Die Ethik hat eine neue Rolle übernommen. Nach der allgemeinen philosophischen Definition ist Ethik die kollektive Vereinbarung darüber, was in einer bestimmten Gemeinschaft zu einer bestimmten Zeit richtig und falsch ist – hierzu zählen auch berufliche Situationen. Da in der heutigen Zeit das Leben zunehmend technologisch vermittelt wird, ist eine neue Ethik erforderlich.

In der Geschäftswelt von heute manifestiert sich Ethik in Gesprächen darüber, welche Verhaltensweisen akzeptabel sind und welche nicht. Die Geschäftsethik ist nicht neu, der potenzielle Schaden oder Nutzen, den Technologie mit sich bringen kann, hingegen schon.

Es steht viel auf dem Spiel. Unternehmen, die das Thema der digitalen Ethik außen vor lassen, riskieren gleich vier große Nachteile: den Verlust von Kunden an Wettbewerber mit stärkeren ethischen Grundsätzen, den Verlust von Mitarbeitern mit stärkeren ethischen Grundsätzen, Schaden für die Öffentlichkeit durch systemische Ungleichheiten und den Verlust eines Wettbewerbsvorteils.

Doch auch Unternehmen mit einer Strategie für digitale Ethik stehen vor Herausforderungen. Sie müssen ihre Ideale in die Tat umsetzen und brauchen dazu neue Werkzeuge und Methoden.

Darüber hinaus müssen diese Werkzeuge und Methoden angepasst werden, um dem gerecht zu werden, was das Leading Edge Forum (LEF) als die drei technischen Reifestadien definiert hat:

  • Innovation: Die erste Arbeit wird von „Pionieren“ geleistet, die neue Konzepte erforschen, zentrale Forschung betreiben und völlig neue – aber nur gelegentlich erfolgreiche – Produkte und Dienstleistungen schaffen.
  • Wachstum: Die vielversprechendsten Kreationen der Pioniere werden von „Siedlern“ in etwas verwandelt, was für eine größere Zielgruppe von Nutzen ist. Aus Prototypen werden Produkte, die in die Fertigung gehen können und die sich über ein geeignetes Geschäftsmodell gewinnbringend vermarkten lassen.
  • Industrialisierung: Die Entwicklungsarbeit der Siedler wird von „Stadtplanern“, die Skaleneffekte nutzen, industrialisiert. Produkte werden in Gebrauchs- und Verbrauchsgüter umgewandelt.

Alle drei Gruppen brauchen einen evolutionären ethischen Rahmen. Zunächst müssen sie die unausgesprochenen ethischen Regeln und impliziten Überzeugungen der jeweiligen Gruppe identifizieren. Als Nächstes sollten sie die Auswirkungen bestehender wie potenzieller künftiger Faktoren bedenken. Und schließlich sollten sie die möglichen Folgen der zukünftigen Entwicklung einer Technologie berücksichtigen.

Dieser evolutionäre ethische Rahmen sieht für jede Gruppe anders aus. Im Folgenden finden Sie eine Aufschlüsselung der ethischen Fragen in den einzelnen Entwicklungsstadien:

  1. Innovation/Pioniere
  • Zentrale Anliegen:
    • Welche ethischen Probleme betrachten wir als interessant?
    • Welche ethischen Bedenken bezüglich der Innovation, die wir entwickeln, interessieren uns am meisten?
    • Gibt es neue ethische Fragen in neuen Bereichen, die uns interessieren?
  • Zielgerichtete Ethik:
    • Wessen Ziele werden verfolgt?
    • Wessen Mittel werden eingesetzt?
    • Gibt es Personen oder Gruppen, die entweder als Ziel/Zweck oder als Mittel behandelt werden?
  • Zukunftsorientiertes Design:
    • Was sind für diese Technologie die besten beziehungsweise schlechtesten Verwendungsmöglichkeiten?
    • Ist das System, das wir entwickeln, gerecht? Falls nicht: Wie können wir es anders gestalten?
    • Wie werden unsere Interessengruppen über die Technologie informiert? Und wie können sie Entscheidungen über die Technologie treffen?
    • Was sind die Folgen von Untätigkeit? Welche Ungleichheiten würden wir stützen, wenn wir dieses System nicht entwickeln würden?

 

  1. Wachstum/Siedler
  • Zentrale Anliegen:
    • Wer sind unsere Interessengruppen?
    • Welche früheren ethischen Bedenken und Beispiele aus der Industrie gibt es?
    • Wer in unserem Markt ist unterversorgt und daher jemand, für den wir entwickeln könnten?
  • Zielgerichtete Ethik:
    • Wie sieht das volle Ausmaß der Bedürfnisse unserer Interessengruppen aus?
    • Wessen Interessen erfordern unsere Aufsicht?
    • Was würde eine vernünftige dritte Partei sagen?
  • Zukunftsorientiertes Design:
    • Welchen Grad an Einfluss sollten verschiedene Interessengruppen bei unseren Entwicklungs- oder Geschäftsprozessen haben?
    • Was sind die wahrscheinlichen positiven und negativen Auswirkungen einer bestimmten Technologie auf die Zukunft? Wie können wir die negativen mildern und die positiven verstärken?
    • Was sind die wahrscheinlichen Folgen einer bestimmten Entscheidung oder Handlung? Wie schwerwiegend oder langwierig werden diese Folgen wahrscheinlich sein?

 

  1. Industrialisierung/Stadtplaner
  • Zentrale Anliegen:
    • Wer wäre verärgert oder würde negativ reagieren, wenn er nicht angemessen berücksichtigt würde?
    • Welche Gesetze und Rahmenbedingungen müssen wir beachten?
    • Was sind die ethischen Bedenken unserer Lieferkette und anderer Plattformen, die wir nutzen?
  • Zielgerichtete Ethik:
    • Wie können wir Ethik als ein prozess- und aufgabenorientiertes Hilfsmittel praktizieren?
    • Was wäre, wenn alle das täten, was wir gerade getan haben?
    • Welches sind die relevanten rechtlichen Rahmenbedingungen, Regulierungsbehörden, Normen und Berufsverbände?
  • Zukunftsorientiertes Design:
    • Wie können wir implizite ethische Rahmenwerke in explizite, kodifizierte Ansätze übersetzen?
    • Was sind die wahrscheinlichen Folgen einer bestimmten Entscheidung oder Handlung? Und wie schwerwiegend oder langwierig werden diese Folgen wahrscheinlich sein?
    • Können wir ethnografisches Wissen und mündlich überlieferte Geschichten benutzen, um undokumentierte Normen in eine kodifizierte Form zu bringen? Wenn ja: Können wir wahrscheinliche Gedächtnislücken, Vertrauensfragen und das Übersehen „natürlicher“ Faktoren erklären?

Um die ethischen Grundlagen für Ihr Team zu entwickeln, entscheiden Sie zunächst, auf welcher dieser drei Evolutionsstufen sich Ihr Team befindet. Beginnen Sie dann, die entsprechenden Fragen zu stellen – und zu beantworten. Auf diese Weise können Sie einen wertvollen ersten Schritt tun, um die ethischen Erwartungen Ihres Unternehmens zu definieren und sie in eine Ethik des Handelns in der realen Welt zu verwandeln.