Der erste offizielle Versicherungsvertrag wurde vor 673 Jahren in Genua abgeschlossen, einem wichtigen Handelszentrum der Renaissance. Er diente dazu, Verluste oder Schäden an Schiffen und Fracht abzudecken. Viele andere Versicherungsformen sind die Folge von Ereignissen mit großer Tragweite. So entwickelte sich die Sach- bzw. Gebäudeversicherung beispielsweise aus dem Großen Brand von London im Jahr 1666. Die Panik von 1837 und die daran anschließende Finanzkrise beschleunigten das Wachstum von gegenseitigen Lebensversicherungen. Die Autoversicherung entstand nicht lange nach dem dramatischen Preisverfall des Ford Modells T. Und die vom Arbeitgeber angebotene Krankenversicherung wurde während des zweiten Weltkriegs eingeführt, um angesichts der wachsenden Kriegsgüterproduktion Arbeiterinnen und Arbeiter für die Fabriken zu gewinnen.

Die Entwicklung in diesem Sektor setzt sich bis heute fort, nur wird sie diesmal weniger durch historische Ereignisse als durch das Aufkommen neuer Technologien begünstigt. Künstliche Intelligenz (KI), Augmented und Virtual Reality, Automatisierung, Blockchain, Drohnen, das Internet der Dinge (IoT), mobile Apps, vorausschauende Analysen, Social-Media-Plattformen, 5G und die Cloud kennzeichnen eine zunehmend digitaler werdende Branche. Zu den Beispielen gehören hochentwickelte Analysen, die ein personalisiertes Marketing ermöglichen und fördern; mit Kameras ausgestattete Drohnen, die hochauflösende Bilder von Sachschäden liefern und so eine schnelle Schadensbeurteilung ermöglichen; IoT-Geräte, die das Verbraucherverhalten überwachen können, um die Risikomodellierung zu verbessern.

Mit der Verwendung neuer Technologien zur Entwicklung von Ökosystemen aus Partnern, Plattformen und Drittanbieter-Services entstehen für Versicherer neue Umsatzchancen. So können beispielsweise Versicherungsträger ihre Produkte über ein selbst geschaffenes Ökosystem aus Versicherungsmaklern vertreiben – und diesen Vertrieb dann über die Blockchain verwalten. „Die Blockchain wird wahrscheinlich in den nächsten Jahren massive Auswirkungen auf die gesamte Wertschöpfungskette haben“, meint Chak Kolli, globaler Chief Technology Officer für den Bereich Versicherungen bei DXC Technology.

Diese Disruption kann auch von Unternehmen außerhalb des Versicherungssektors verursacht werden. In China ist dies bereits der Fall: Hier baut der größte Ride-Hailing-Anbieter des Landes ein Versicherungs-Ökosystem um seine Softwareplattform herum auf. Didi Chuxing hat im vergangenen Jahr mehrere Finanzdienstleistungen eingeführt, darunter Auto- und Krankenversicherungen, die über seine eigene Ride-Hailing-App zugänglich sind und sowohl Fahrern als auch Nutzern zur Verfügung stehen. Das Tochterunternehmen Dirun Tianjin Technology beteiligte sich in diesem Jahr mit 32 Prozent am Unternehmen Hyundai Insurance China, dessen Geschäft aus Auto-, Unfall-, Sach-, Kranken- und Rückversicherungen besteht.

Und es wird noch viele weitere Veränderungen in der Bereitstellung, Preisgestaltung und dem Service von Versicherungen geben. Versicherer investieren in Insurtechs oder gehen Partnerschaften mit diesen Unternehmen ein, die ihnen bei der Umstellung auf die digitale Welt helfen können. Viele Insurtechs konzentrieren sich in erster Linie auf die Bereitstellung von Self-Service-Plattformen, mobilen Anwendungen und anderen neuartigen Ansätzen. Damit wollen sie vor allem Millennials ansprechen, die sich andere Möglichkeiten für die Suche nach der richtigen Versicherung wünschen. Einige große Versicherer gehen nicht nur Partnerschaften ein, sondern gehen in diesem Bereich auch selbst proaktiver vor. The Hartford, Aetna, Cigna und Travelers haben zum Beispiel zusammen einen eigenen Insurtech-Hub in Connecticut gegründet.

Es geht auch nicht nur um die Technologie. Millennials haben andere Gründe für den Kauf einer Versicherung und wünschen sich flexiblere Verträge. Sie sind vielleicht weniger daran interessiert, umfassende, langfristige Versicherungspolicen abzuschließen, die an traditionelle Ereignisse wie Heirat und Kinderkriegen gekoppelt sind, und interessieren sich eher für kurzfristige Verträge, die auf Erfahrungen oder Angebote ausgerichtet sind, bei denen sie die Deckungssumme individuell gestalten und an ihren Bedarf anpassen können. Einige Start-ups – und sogar große Markenversicherer – machen sich dies zunutze.

Versicherungsunternehmen, die sich nicht genug bemühen herauszufinden, wie sie ihre Geschäftsmodelle maßgeblich verändern können, sollten dies tun. Wer für die Disruption durch andere Marktteilnehmer gewappnet sein will, muss sich der Veränderung stellen.