In diesem Interview erklärt Peter H. Diamandis, vielfacher Unternehmer und Co-Autor des kürzlich erschienenen Buches „The Future Is Faster than You Think“, warum es das Zusammenwirken verschiedener neuer Technologien und nicht eine einzelne Technologie ist, die einschneidende Veränderungen für Unternehmen, Industrien und auch unser Leben mit sich bringt. Diamandis sprach kürzlich mit dem DXC THRIVE Autor Peter Krass; im Folgenden handelt es sich um eine bearbeitete Fassung ihres Gesprächs.

 

F: Warum ist die Konvergenz von Technologien um so vieles transformativer als eine einzelne Technologie?

A: Die Technologien an sich sind außergewöhnlich. Viele von denen, über die wir in dem Buch schreiben – auch KI [künstliche Intelligenz], Robotik und virtuelle Realität –, sind über das letzte Jahrzehnt, in einigen Fällen sogar über mehrere Jahrzehnte, trügerisch langsam gewachsen.

Aber es ist eben die Konvergenz, das Zusammenwirken dieser Technologien, die neue Geschäftsmodelle ermöglicht, und das ist das eigentlich Spannende. Es geht nicht um die Technologie an sich. Es geht darum, dass man beispielsweise mobiles Internet mit hoher Bandbreite, GPS, Google Maps und maschinellem Lernen konvergiert – und daraus etwas macht wie Uber oder Airbnb. Diese Geschäftsmodelle verändern ganze Branchen und sind eine enorme Herausforderung für ältere, eher linear ausgerichtete Unternehmen.

 

F: Einige der mächtigen Faktoren, die Sie in diesem Buch diskutieren, sind die Konzepte von Verdopplung, Disruption, Entmaterialisierung, Entmonetarisierung und Demokratisierung. Worum handelt es sich dabei, und warum sind sie wichtig?

A: Was auch immer Sie digitalisieren, beginnt zunächst einmal mit einer trügerisch langsamen Wachstumsphase, einer Verdopplung kleiner Zahlen. Das setzt sich fort, bis es disruptiv wird. So hatten beispielsweise die ersten Digitalkameras 0,1 Megapixel, im nächsten Jahr gab es eine Verdopplung auf 0,2, im Jahr darauf dann auf 0,4 Megapixel. Das alles sah nach nichts aus, aber 30 Verdopplungen später war es eine Milliarde Mal besser. An dieser Stelle begann die Disruption.

Dinge zu digitalisieren, bedeutet zugleich, sie zu entmaterialisieren, aus ihnen Einsen und Nullen zu machen. Entmaterialisierung bedeutet, dass Sie nicht länger ein Blitzlicht oder ein Radio, einen Kassettenrekorder, einen Fotoapparat oder eine Videokamera haben. All diese Dinge wurden digitalisiert und befinden sich jetzt auf Ihrem iPhone. Damit liegen die Kosten für ihre Reproduktion effektiv bei null, und das Gleiche gilt für die Kosten ihrer Übertragung. Damit werden sie also auch entmonetarisiert.

Und weil sie so leicht zu duplizieren und zu übertragen sind, werden sie schließlich demokratisiert. Am Ende stellen Sie diese Produkte und Dienstleistungen auf der ganzen Welt zur Verfügung.

 

F: Sie heben im ganzen Buch die Macht der künstlichen Intelligenz hervor. Wie sehen Sie die zukünftige Rolle der KI?

A: KI ist ebenso fundamental wie das Internet oder E-Mail – vielleicht sogar noch fundamentaler. Am Ende dieses Jahrzehnts wird es nur noch zwei Arten von Unternehmen geben: Unternehmen, die KI nutzen und Unternehmen, die pleite sind.

Denken Sie an den Einzelhandel. Ein Faktor, der den Einzelhandel maßgeblich verändert, ist die Konvergenz von Augmented Reality, 5G und KI. Angenommen, Sie sind mit Ihren Freunden auf einer gesellschaftlichen Veranstaltung. Sie tragen Ihre Augmented-Reality-Brillen mit nach vorn ausgerichteten Kameras, die sehen können, was Sie sehen. Die Brillen verfügen auch über rückseitige Kameras, die Ihre Augen, Ihre Pupille, Ihre Blickrichtung erfassen. Nehmen wir an, Sie schauen während einer Unterhaltung auf den Blazer eines Freundes, und Ihre Augen verweilen dort ein paar Sekunden länger. Ihre KI weiß dann im Grunde, dass Sie sich für den Blazer interessieren.

Als Nächstes werden Sie über eine kleine Textblase im Brillendisplay informiert, dass es sich um einen Blazer von Dior handelt. Sie erfahren, was er kostet und dass er am nächsten Tag erhältlich ist. Durch KI wird Shopping also zu einem durchgängigen, auf Ihren Wünschen und Vorlieben basierenden Erlebnis.

 

F: Und wie sieht es mit dem Datenschutz aus?

A: Wir als Gesellschaft werden unsere Einstellung zum Datenschutz ändern, zumindest in einigen Fällen.

Bedenken Sie Folgendes: Eine KI kann sich einen Videofeed anschauen und Lippen lesen. Sie können jemandem die Hand geben und aus ein paar Hautzellen, die Sie dabei mitnehmen, die Gensequenz der jeweiligen Person entschlüsseln. Die Gesellschaft wird also ihre Einstellung hinsichtlich ihrer Erwartungen an den Datenschutz bis zu einem gewissen Grad ändern müssen.

Und das passiert bereits. Im heutigen China gibt es im Wesentlichen keine Erwartungen mehr, was den Datenschutz angeht. Hier in den USA kenne ich junge Leute, die ihre Privatsphäre bereitwillig aufgeben, um sich mit ihren Freunden in den sozialen Medien auszutauschen. Rückblickend würde ich bezweifeln, dass es vor Tausenden von Jahren überhaupt eine Vorstellung von Privatsphäre gegeben hat. Die Gesellschaft wird sich also anpassen, wenn die Dinge sich weiter verändern.

 

F: Die technologische Konvergenz ist eine spannende Sache für Start-ups. Doch wie können ältere Unternehmen verhindern, dass sie obsolet werden?

A: Zunächst einmal sollten sie einsehen, dass sie innovationstechnisch nicht mit 1.000 Start-ups mithalten können, die größere Risiken eingehen. Wichtig ist stattdessen, dass sie ein Ökosystem aus jungen Start-ups aufbauen können. Dann können sie in die gemeinsame Entwicklung von Produkten investieren, den Zugriff auf ihre Daten und Kunden freigeben und im Grunde ein dynamisches Ökosystem aus Innovatoren außerhalb ihres Unternehmens schaffen, mit dem sie zusammenarbeiten. Dann, wenn die Produkte entwickelt werden, werden sie diese Produkte letztendlich einführen.

Damit hatte beispielsweise Disney großen Erfolg. Disney ist im Wesentlichen ein riesiges Unternehmen rund ums Geschichtenerzählen. Das Unternehmen verfügte über Figuren, die in den Geschäften, Filmen und Vergnügungsparks des Unternehmens zum Einsatz kamen. Als Disney die Unternehmen Marvel Entertainment, Lucasfilm und Pixar Animation Studios kaufte, nahm es deren Charaktere und schleuste sie ebenfalls durch dieses System.

Warum sind Hyatt oder Hilton nicht auf die Idee mit Airbnb gekommen? Und Avis oder Hertz nicht auf die Idee mit Uber? Zunächst also sollten Sie wissen, wo Ihre Stärken liegen. Dann bauen Sie ein Ökosystem aus Gründern auf.


Anmerkung der Redaktion:
Diamandis hat eine Möglichkeit geschaffen, die Konvergenz von exponentiellen Technologien wie KI und zellulärer Medizin zu verfolgen, was den Verlauf der Corona-Pandemie beeinflussen könnte. Die von ihm in Futureloop „Pandemic Edition” bereitgestellten Algorithmen für maschinelles Lernen liefern eine zentrale und aktuelle Zusammenfassung der Nachrichten und Social Feeds zu COVID-19.