Man stelle sich einen virtuellen Geldautomaten vor. Eine Anwendung, mit der überall Geld abgehoben werden kann. Eine App, die von lokalen Geschäften oder Restaurants unterstützt wird und mit der vor Ort komfortabel Bargeld bezogen werden kann, anstatt in der Stadt herumzulaufen und den nächsten Geldautomaten der eigenen Bank zu suchen. Es klingt wie ein Traum, vor allem, wenn man kein Bargeld hat und weit und breit kein Geldautomat zu finden ist.

Der virtuelle Geldautomat ist jedoch nicht nur ein Traum, sondern eine echte App und ein gutes Beispiel für die Vorteile von Open Banking in Zeiten, in denen die Bank- und Finanzbranche großen Disruptionen ausgesetzt ist. Diese von Sonect, einem preisgekrönten FinTech, entwickelte virtuelle Geldautomatenlösung wurde von der Berner Kantonalbank (BEKB) in der Schweiz über eine Open Banking API-Plattform von NDGIT – der ersten API-Plattform für FinTechs und Versicherungen – mit Hilfe des Banking Service Zentrums von DXC Technology in Bern getestet und als Minimum Viable Product (MVP) integriert. Es ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Zusammenarbeit mit FinTechs Banken dabei helfen kann, neue Einnahmequellen zu erschließen. Die Branche befindet sich in einer Umbruchphase, die durch digitale Technologien, Änderungen des Lebensstils und Vorschriften, wie beispielsweise das zweite Payment Services Directory (PSD2) hervorgerufen wurde. Diese Richtlinie der Europäischen Union zwingt die Banken Kundenkonten und Transaktionen Drittanbietern zugänglich zu machen.

Um in diesen Zeiten die Nase vorn zu haben, gibt es nur eine Chance: Man muss die sich bietenden Gelegenheiten nutzen. Werfen wir einen Blick auf die Schweizer Kantonalbanken. Aufgrund der Ländervorschriften dürfen Schweizer Kantonalbanken nur innerhalb einer definierten Region in der Schweiz operieren, Filialen eröffnen und Geldautomaten betreiben. Die Erweiterung des Kundenstammes außerhalb des Kantons ist somit harte Arbeit. Die Nutzung der Vorteile von Open Banking und die Partnerschaft mit FinTechs eröffnet diesen Banken neue Horizonte und ermöglicht ihnen den Zugang zu Märkten innerhalb und außerhalb der Schweiz, die sie bisher nicht erschließen konnten.

Zurück zur virtuellen ATM-App, die von DXC Technology mit ihrer Kernbankenlösung IBIS4-Digital als MVP getestet und integriert wurde. Wie funktioniert sie? Eine Bank muss ihre Kundendatenbank für einen FinTech öffnen und damit beginnen, den Service ihren Kunden anzubieten. Banken könnten die virtuelle Geldautomaten-App in einem örtlichen Restaurant bereitstellen und damit ihren Kunden ermöglichen, schnell und unkompliziert Bargeld abzuheben. Es wird keine spezielle Infrastruktur benötigt, sondern nur ein Smartphone oder eine andere mobile Zahlungsinfrastruktur.

Der virtuelle Geldautomat ist attraktiv, weil der Kunde nicht an einen physischen Geldautomaten gebunden ist und überall Zugang zu Bargeld hat. Das ist in der Schweiz besonders praktisch, da die Vorschriften des Landes es den Banken nicht erlauben, Geldautomaten außerhalb ihres Kantons aufzustellen. Man stelle sich vor, dass man ein Open-Air-Konzert besucht, wo es nur Restaurants gibt, die Bargeld annehmen und es weit und breit keine Geldautomaten gibt. Man könnte somit nur das Geld ausgeben, das man mitgebracht hat. Der virtuelle Geldautomat ist in diesem Fall eine großartige Erleichterung, da die Kunden sehr einfach weiteres Bargeld beziehen können. Der höhere Konsum erhöht im Gegenzug die Einnahmen der Händler und die Transaktionen der Banken. Eine Win-win-Situation für alle!

Aber wie erlauben Banken Drittanbietern den Zugang zu den Kundendaten? Ein Open Banking API-Anbieter ist von zentraler Bedeutung. Im Falle von Sonect und IBIS4-Digital war der Anbieter NDGIT, eine Plattform mit einer Bibliothek von mehr als 650 verschiedenen Services, mit der FinTechs Bankanwendungen entwickeln und dann standardisiert in Banksysteme integrieren können. Die Bank muss dann einen Weg finden, diesen Open Banking API-Layer zu implementieren, und hier können IT-Unternehmen helfen, indem sie die Kernbank-App analysieren und bestimmen, was für die Anbindung an diese Open Banking-Plattform erforderlich ist.

Die Menschen sind opportunistisch orientiert und die Banken müssen das verstehen. Kunden wünschen sich eine Auswahl an Apps und verschiedenen Möglichkeiten, um mit den Finanzinstituten interagieren zu können. Wenn ihre Bank keine innovativen Dienstleistungen anbietet, gibt es immer noch eine andere die es tut. Das Festhalten am Closed-Bank-Modell und der damit verbundene Kundenverlust zahlen sich auf Dauer nicht aus.