Lange Zeit waren die Kerntechnologien der Bankhäuser in etwa so zugänglich wie ihre Tresore – umgeben von Stahlbeton und verriegelt mit einer unüberwindbaren Stahltür gelang nichts nach draußen, was nicht nach draußen gelangen sollte. Das war einmal das Sinnbild für Sicherheit und den Konkurrenzkampf am Finanzmarkt. Doch diese Zeiten sind nun vorbei. Wie Ockhams Rasiermesser, entledigt sich auch der Wandel von allem Überflüssigen, nicht Zweckmäßigen und drängt auf effiziente, innovative Einfachheit – offener Dialog und Zusammenarbeit sind die am meisten Erfolg versprechenden Strategien.

 

APIs werden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht

Die am 16. November 2015 vom Rat der Europäischen Union verabschiedete Zahlungsdienstrichtlinie (PSD2, Payment Services Directive 2), sorgt dafür, dass seit September 2019 diese Festungen ihre Pforten öffnen und ihre bis dahin gut gehüteten APIs der Öffentlichkeit preisgeben, um eine neue Ära des Mobile Banking einzuläuten. Die PSD2- oder auch Open Banking-Richtlinie soll elektronische Zahlungen sicherer und schneller machen sowie die Möglichkeiten von Finanzservice-Dienstleistungen durch Liberalisierung wesentlich erweitern.

Was sich Banken und Kredithäuser von diesem Öffnungsprozess erhoffen und welches Potential in ihm steckt, konnte kürzlich in Prag beim siebten Bankathon beobachtet werden. Unter dem Motto „Let the Open Banking world begin” organisierten finleap Connect und die Komerční Banka den größten bankunabhängigen FinTech Hackathon in Europa. Namhafte Banken sowie Kreditinstitute wie Česká Sprořitelna, Raiffeisen Bank International und Visa haben gemeinsam mit Technologieunternehmen wie IBM, trask, DXC Technology und vielen Unterstützern mehr ihre APIs jungen, kreativen Programmiererinnen und Programmierern zur Verfügung gestellt.

 

Eine Kreativexplosion wird erwartet

„Um gute Apps zu bauen, benötigt man nicht viel Geld – man benötigt Kreativität“, sagt Leszek Jaskierny, Master IT Architekt bei DXC, der vor Ort war, um den Teilnehmern, die sich für DXCs API entscheiden, beratend zur Seite zu stehen. Wird das volle PSD2-Potential ausgeschöpft, so erwartet Leszek eine Kreativexplosion, besonders unter den jungen Programmiererinnen und Programmierern, die die App-Entwicklung um neue Ansätze und Perspektiven bereichern. Denn um die Grenzen des Möglichen auszuloten und sie sogar neu zu definieren, benötige man neue, junge Köpfe. Köpfe, die entweder nicht wissen, dass etwas als unmöglich angesehen werde oder die eben eine andere Perspektive haben. Um innovativ zu sein, brauche man vor allem eine Vision, die man beharrlich verfolgt und jedes aufkommende Problem löst. Diese jungen Talente konzentrieren sich auf das Ergebnis und lassen sich von möglichen Problemen im Vorfeld nicht aus der Ruhe bringen. Leszek sagt: „Wenn sie etwas wollen, dann tun sie es einfach.“

 

Wenige Regeln, viele Kategorien

Diese Eigenschaft ist wohl auch unbedingt notwendig, wenn man innerhalb eines 30-stündigen Marathons eine überzeugende App aus dem Boden stampfen möchte. Die Vorgaben: Keine Verwendung von PowerPoint für den Pitch, nur „fresh code“ – das bedeutet, alles muss frisch vor Ort programmiert werden – und die Teams dürfen nicht mehr als vier Personen umfassen. Insgesamt haben sich 27 Teams dieser Herausforderung gestellt, und alle haben eine funktionsfähige App abgeliefert. Die Kategorien, für die es möglichst kreative Apps zu entwickeln galt, waren: Reisekostenmanagement, finanzielle Bildung für Kinder, Schulung von Kindern in Finanzangelegenheiten, offenes Bankwesen für SMEs, Vermögensverwaltung, neue Geschäftsmodelle und Multibanking. Ein breites Feld also, aus dem sich die Teilnehmer ein Thema auswählen konnten. Am zweiten Tag um 9 Uhr morgens wurde direkt mit der Arbeit begonnen. Betten wurden keine zur Verfügung gestellt, doch wenn man sich ausruhen wollte, konnte man natürlich das Gelände verlassen und sich ein paar Stunden im Hotel hinlegen – die Hungrigsten haben jedoch der Tastatur den Vorzug vor dem Kissen gegeben. Ganze elf Teams entschieden sich für die Kategorie „Finanzielle Bildung für Kinder“; damit war dies das beliebteste Thema.

 

DXC Technology

Pitch von DXC

Am dritten Tag, dem Tag der Entscheidung, hatten alle Teams exakt vier Minuten Zeit, um ihre App möglichst überzeugend in einem „Pitch“ zu präsentieren. Das Team Moonwalk (Anton Molcan, Jan Jerabek, Lukas Skala, Vaclav Petras) von DXC hat sich für die Kategorie „neue Geschäftsmodelle“ entschieden. DXC ist während seiner API-Entwicklung eine starke Partnerschaft mit Broadcom – ehemals CA Technology – eingegangen, und gemeinsam führten sie eine Reihe von PDS2-Implementierungen durch. So überrascht es nicht, dass als Basis DXCs API diente und die Kollegen im Digital Transformation Center in Newcastle ihren API Gateway sowie ihre Service Virtualization auf Blazemeter beisteuerten und alles auf ihrer Broadcom Plattform zur Verfügung stellten – vielen Dank hierfür nach Newcastle! Roman Knapp gelang es die App, ein persönliches Einkaufsplanungstool, das ein schnelles und komfortables Einkaufen auf Onlineportalen ermöglicht, sehr routiniert zu präsentieren. Dieses Tool kann nicht nur alle Bankkonten unter einem Interface vereinen und so eine bis dato fast unerreichte Übersichtlichkeit und Flexibilität für alle Zahlungsvorgänge gewährleisten, sondern bietet zusätzlich die Möglichkeit Versicherungen – wie etwa für ein Smartphone – und sogar Finanzierungskredite mit wenigen Klicks zu planen und hinzuzubuchen. Auf diese Weise gelingt es Kunden, Banken sowie Drittanbieter wie Versicherungen und Kreditgeber auf einer Plattform zu vereinen und für alle Beteiligten einen Mehrwert zu schaffen. Leider hat es für einen Sieg nicht gereicht.

 

Main incubator GmbH

Pitch von bankagram

In der Kategorie „Neue Geschäftsmodelle“ ging der Preis an das Team Bankagram, das eine ausgereifte und optisch ansprechende White-Label-App entwickelt hat, die ein schwer zu widerstehendes Social-Media-Potential für Banken und Konzernmarken bietet. Die Bankagram-App, die von einem deutschen Team der „main incubator GmbH“ entwickelt wurde, integriert alle Konten des Nutzers und ermöglicht Kontobewegungen bequem auf das Instagram-Konto zu posten. Selbstverständlich ist dieser Post visuell ansprechend – schließlich möchte man seine neue Louis Vuitton Tasche oder seinen neuen Ferrari im rechten Bild präsentiert wissen. Der Preis und das Bankinstitut dürfen natürlich ebenso wenig fehlen, möchte man doch seinen Followern keine wichtige Information vorenthalten – erst recht nicht eine poppig-schöne bildliche Darstellung des kaufbaren Glücks für jedermann. Die Juroren hatten mit Sicherheit ein gutes Näschen bei dieser App. Ihr Potential ist nicht zu übersehen und ebenso wenig der Mehrwert – der in der nahezu automatisch ablaufenden Präsentation von gesundem Konsumverhalten und deren möglichst flächendeckender Befeuerung liegt. Diese App wird in der poshen Instagram-Community wie eine Bombe einschlagen.

 

Etnetera

Pitch etnetera

Doch zurück zu der finanziellen Bildung von Kindern und dem Kategorie- sowie Gesamtsieger des Bankathons. Mühselige Gespräche in der Kindererziehung kann man sich hoffentlich nie ganz sparen – denn sie gehören zu einer guten Erziehung schließlich dazu, aber man muss zugeben, dass diese Apps zum Teil großartige Ansätze bieten, um die finanzielle Erziehung und Bildung von Kindern unterhaltsamer und spielerischer zu gestalten. Die Jury hat sich für die zwar weniger verspielte, dafür aber pädagogisch wertvolle App von etnetera vom gleichnamigen Unternehmen entschieden. Ihre Basisaufgabe ist der einfache Transfer von Taschengeld auf ein bereits bestehendes Konto des Kindes. Diese Basisaufgabe wurde jedoch um einige Features ergänzt, wie zum Beispiel um die Möglichkeit, Geldbeträge zum Zwecke des Sparens an die Eltern zurückzuüberweisen sowie um eine Simulation von Risikosituationen. Diese sind unter anderem wie eine Phishing Mail konzipiert – wenn das Kind auf den Link klickt, ist es sofort einen großen Teil seines Geldes los (das Geld wird natürlich nur auf das Konto der Eltern zurücküberwiesen) und das langersehnte Spielzeug rückt wieder in weite Ferne. Die Jury wurde mit einer klaren, von angenehmem Witz getragenen Präsentation, einer einfachen Bedienung und vor allem mit den lehrreichen Features überzeugt, die es ermöglichen, Kinder spielerisch und unterhaltsam den verantwortungsbewussten Umgang mit Geld zu lehren und sie gleichzeitig auf die im Internet lauernden Gefahren vorzubereiten. Eine großartige App, die man guten Gewissens weiterempfehlen kann. Herzlichen Glückwunsch an das Team etnetera!