Bei den aktuellen Veränderungen in unserer Wirtschaft wird gern von der „vierten industriellen Revolution“ gesprochen. Dieser Begriff ist jedoch irreführend. Die derzeitige Transformation ist keine weitere Welle der industriellen Revolution. Bei Bezeichnungen wie „dritte“ oder „vierte industrielle Revolution“ wird übersehen, dass unsere Ökonomie mittlerweile eine qualitativ andere Grundlage nutzt, um Wohlstand zu generieren.

Die aktuelle Revolution hat so weitreichende Folgen wie die ursprüngliche industrielle Revolution. Sie ist jedoch nicht die „vierte“ und auch nicht „industriell“. Im Grunde ist sie sogar kontra-industriell.

Warum? Weil immaterielle Vermögenswerte wie Software, Daten, Marken, Vertrauen und Kundenbeziehungen die materiellen Vermögenswerte als Hauptgrundlage der Wertschöpfung ersetzt haben. Dieser Trend wurde bereits von Ökonomen erfasst und gemessen, aber wir wissen noch nicht, welche tiefer greifenden Auswirkungen er auf Wirtschaft und Gesellschaft haben wird.

 

Willkommen in der immateriellen Ökonomie

Die immateriellen Vermögenswerte übersteigen mittlerweile die materiellen Vermögenswerte (z. B. Sachanlagen wie Maschinen und Gebäude) in Bezug auf Investitionen und akkumuliertes Kapital. Sie führen zur Steigerung von Kapitalrenditen, Produktivität, Wachstum und Shareholder Value.

Immaterielle Vermögenswerte sind nicht nur von großer Bedeutung, sie sind auch von anderer Beschaffenheit. Wie Haskel und Westlake in Capitalism without Capital erläutern, werden physische Vermögensgegenstände verbraucht und abgenutzt, während immaterielle Vermögenswerte skalierbar sind – man denke nur an die Daten und Algorithmen von Google und die Marke Starbucks mit ihren standardisierten Betriebsabläufen. Da immaterielle Vermögenswerte skalierbar sind, erfordert das Prinzip der Renditemaximierung eine Skalierung auf globaler Ebene. Entsprechend wird ein Großteil des Wertes immaterieller Vermögensgegenstände durch Synergien erzielt. Bei Plattformen beispielsweise ziehen Kunden weitere Kunden und Partner an, und zusätzliche Kunden liefern zusätzliche Daten für die Verfeinerung von Algorithmen.

 

Die IT ist wichtig, aber längst nicht alles

Zwischen der IT und anderen immateriellen Vermögenswerten besteht eine enge Verbindung. Obgleich immaterielle Vermögenswerte theoretisch skalierbar sind, lässt sich dieses Potenzial erst realisieren, wenn die IT das dazu nötige Instrumentarium bereitstellt. Die IT spielt auch eine Schlüsselrolle hinsichtlich der Konnektivität, denn Synergien lassen sich einfacher auf digitaler als auf physischer Ebene erzeugen. Das schnelle Wachstum von Uber war zum Beispiel möglich, weil diesem im Wesentlichen eine synergistische Bündelung digitaler Services wie Geopositionierung, Routenberechnung, Karten, Push-Benachrichtigungen, Zahlungs- und Belegverarbeitung zugrunde lag, die von Partnern rekrutiert wurden.

Bei der Zunahme immaterieller Vermögenswerte geht es jedoch nicht nur um IT. Das würde weder chronologisch passen noch logisch sein, denn immaterielle Werte wie Marken, Organisationsentwicklung und Schulung sind nicht von IT abhängig. Auch die wirtschaftliche Analyse zeigt etwas anderes. So sagen Carol Corrado und Charles Hulten in ihrem Artikel „How Do You Measure a ‘Technological Revolution’?“ Folgendes: „Das Aufkommen neuer (technologischer oder anderer) Ideen ist mit dem Produktionswachstum durch einen komplexen Prozess von Investitionen in technologisches Fachwissen, Produktdesign, Marktentwicklung und organisatorische Kompetenz verbunden.“

 

Die immaterielle Wirtschaft verläuft parallel zur physischen Wirtschaft

Die industrielle Wirtschaft wird durch die immaterielle Wirtschaft nicht ersetzt; beide verlaufen parallel zueinander und sind miteinander verbunden. Dennoch findet die Wertschöpfung zunehmend im immateriellen Bereich statt. Natürlich werden Geräte wie iPad und iPhone industriell hergestellt, sie bestehen jedoch häufig aus Standardkomponenten von Herstellern, die auch für die Mitbewerber von Apple tätig sind. Der Mehrwert, der es Apple erlaubt, eine Prämie aufzuschlagen, stammt aus immateriellen Vermögenswerten, wie der Apple User Experience und dem Design von Apple, der Marke Apple und dem Partner-Ökosystem auf den Plattformen des Unternehmens.

 

Die tiefgreifenden Auswirkungen der kontra-industriellen Revolution

Ebenso wie die industrielle Revolution wird auch die kontra-industrielle Revolution Auswirkungen auf unsere Wirtschaft und Gesellschaft haben. Vor der industriellen Revolution lieferten beispielsweise Händler Rohstoffe an die Weber und ihre Familien, die daheim mit ihren eigenen Werkzeugen arbeiteten und pro Stück bezahlt wurden. Mit dem Aufkommen großer Maschinen verlagerte sich die Produktionseinheit jedoch vom Haushalt zum Unternehmen und der Produktionsstandort vom Haus zur Fabrik. Löhne und Arbeitsverträge ersetzten das Stücklohnsystem. Die Arbeitsteilung führte zu einer Steigerung der Produktivität. Arbeiter organisierten sich in Gewerkschaften. Die Kapitalmärkte zur Finanzierung von Fabriken und Eisenbahnen florierten.

Die immaterielle Ökonomie führt zu Veränderungen in all diesen Bereichen. Der optimale Maßstab der digitalen Produktion ist global. Das Heim ist wieder zum Arbeitsplatz geworden, jetzt für Telearbeiter. Lohnarbeit wird zunehmend durch die „Gig Economy“ ersetzt, bei der kleine Aufträge kurzfristig an eine Vielzahl von unabhängigen Freiberuflern vergeben werden. Die „Lernteilung“ definiert jetzt größtenteils Macht und Belohnung. Immer weniger Arbeitnehmer sind gewerkschaftlich organisiert, und die Rolle, die einst der Aktienmarkt für junge Unternehmen spielte, hat jetzt das Risikokapital übernommen. Darüber hinaus ist diese Ökonomie von Natur aus umweltfreundlicher, da die Abhängigkeit von der Produktion und dem Transport physischer Güter auf der Grundlage kohlenstoffbasierter Kraftstoffe deutlich geringer ist.

Das Wissen um die Art dieser Transformation und ihre Größenordnung ist die erste Voraussetzung, um auf die kontra-industrielle Revolution zu reagieren. Unternehmen werden Strategien anders entwickeln, sobald sie erkennen, dass es sich bei den wichtigsten Bausteinen um skalierbare, immaterielle Vermögenswerte handelt, deren Wert sich durch Synergien mit anderen Unternehmen steigern lässt. Regierungen und Gesellschaft müssen neuartige Maßnahmen entwickeln – zum Beispiel in den Bereichen Qualifikation, Investition und Infrastruktur –, um den Erfolg in der neuen Ökonomie zu sichern und deren unvermeidlichen Nebeneffekte abzumildern.

Weitere Informationen zur kontra-industriellen Revolution und der Frage, was die immaterielle Ökonomie anders macht, finden Sie im vollständigen Kommentar zu den Forschungsergebnissen des Leading Edge Forums.