Auch fast zehn Jahre nach der Einführung des Smart Manufacturing hat die Fertigungsindustrie noch mit einigen Schwierigkeiten bei der vollständigen Umsetzung und Nutzung dieser neuen Arbeitsweise zu kämpfen. Die aktuelle Situation und die Zukunft der Industrie 4.0 waren Thema der Diskussionsrunde „Digital Transformation in Manufacturing: Connecting Theory to Practice“, zu der The Economist und DXC Technology in Stuttgart geladen hatten.

 

Smart Manufacturing

Die Veränderung, Anpassung und Ausrichtung der gesamten Unternehmenskultur an die neuen Pläne für Smart Connected
Manufacturing und digitale Transformation, die Schulung der Mitarbeiter zur Aneignung neuer Fähigkeiten im Umgang mit der neuen Technologie und den neuen Strategien sowie die Frage, wie mit dem Problem der alternden Belegschaft in Europa umzugehen ist, sind nur einige der Aspekte, die während der Diskussionsrunde zur Sprache kamen. Martin Rainer und Wolfgang Lucny, Experten von DXC für die Fertigungsindustrie, haben die Kernpunkte der Diskussionrunde bereits in einem früheren THRIVE-Artikel besprochen. In diesem Beitrag geht es um die Herausforderungen, die die Branche erwarten, die grundlegenden nächsten Schritte und die Bedeutung von Partnerschaft und Zusammenarbeit im Smart Connected Manufacturing.

 

Wichtige Schritte, die Hersteller für die zukünftige digitale Transformation unternehmen sollten 

Martin Rainer: Machen Sie erst einmal Ihre Hausaufgaben. Das heißt – bereinigen Sie Ihre bestehende Umgebung. Bereinigen in Bezug auf die grundlegende Infrastruktur, Daten – ein gewisser Grad an Zentralisierung und Standardisierung in den Stammdaten, insbesondere den Produkt- und Kundenstammdaten, ist sehr wichtig – und die Frage, wie sich all dies in unterschiedlichen Produktkonfigurationen und in der Preisgestaltung niederschlägt. Eine Herausforderung, die uns bereits seit zwanzig Jahren beschäftigt und die auch heute noch entscheidend ist.

Darüber hinaus ist es zwar äußerst wichtig, einen schnellen und relativ einfachen Einstieg in das Testen einiger Anwendungsfälle zu finden, aber ebenso wichtig ist es, das große digitale Ganze im Auge zu behalten – und dazu gehört auch eine Vision zur Referenzarchitektur, die sich im Geschäftsmodell widerspiegelt. Sich einen derartig ganzheitlichen Überblick zu verschaffen und diesen während des digitalen Transformationsprozesses zu bewahren, ist genauso wichtig, wie möglichst schnell und einfach mit dem Testen von Dingen beginnen zu können, damit Sie wissen, wie die Transformation des Gesamtunternehmens und des Betriebsmodells durch digitale Technologie aussehen wird.

Wolfgang Lucny: Es sollte nicht unterschätzt werden, welche Anstrengungen dies für die Führungskräfte mit sich bringt. Helfen Sie Ihren Teams, mit den Veränderungen umzugehen. Geben Sie die Vision vor und begleiten Sie sie durch den organisatorischen und kulturellen Wandel. Wir erleben häufig, dass digitale Initiativen einem Bottom-up-Ansatz folgen. Es sollte sich jedoch um einen Top-down-Ansatz handeln, der vom Vorstand bzw. der Geschäftsführung vorgegeben wird. Es erfordert kontinuierliche Anstrengung und Kommunikation, um das Unternehmen, seine Mitarbeiter und Partner durch diesen Wandel zu führen. Dabei gilt es, möglichst transparent zu sein und zu zeigen, was digitale Transformation für jeden Einzelnen bedeutet und wie sich alle auf die Zukunft vorbereiten und bevorstehende Herausforderungen meistern können.

Geraten Sie nicht in Panik, weil Sie befürchten, zu spät dran zu sein. Wenn Sie die Berichte über Smart Connected Manufacturing lesen, wie zum Beispiel in dem Buch „The Digital Helix: Transforming Your Organization’s DNA to Thrive in the Digital Age“ von Michael Gale und Chris Aaron, werden Sie feststellen, dass nur rund 6 Prozent der Unternehmen weltweit die digitale Transformation bereits vollständig vollzogen haben. Der Rest arbeitet noch immer an der Umsetzung. Wir befinden uns noch am Anfang unserer Reise, obwohl wir bereits seit 2011 von der Industrie 4.0 sprechen.

Allerdings sollten Sie die Notwendigkeit der digitalen Transformation auch nicht unterschätzen. Der Wandel wird kommen. Er mag nicht so schnell sein wie vorhergesehen, aber Sie sollten in diesem Bereich aktiv werden und darüber nachdenken, was er für Ihr Unternehmen bedeutet und auf welche Weise Sie sich anpassenWenn Sie auf den Wandel nicht vorbereitet sind, könnten Ihnen neue Mitbewerber, die Sie jetzt noch gar nicht auf dem Schirm haben, die Butter vom Brot nehmen. Also, falls Sie noch nicht begonnen haben sollten, wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, um dies zu tun.

 

Die Ära des Smart Connected Manufacturing erfordert viel mehr Kooperation und Zusammenarbeit als Konkurrenzkampf.

 

Bündnisse und Partnerschaften sind sehr wichtig 

WL: Die Ära des Smart Connected Manufacturing erfordert viel mehr Kooperation und Zusammenarbeit als Konkurrenzkampf. Offenheit muss das neue Mantra werden – und das nicht nur intern, indem man die traditionellen Funktionsengpässe abschafft und durch echte End-to-End-Prozesse entlang der Customer Journey ersetzt, sondern auch extern, durch die Einbindung Ihrer Lieferanten, Mitbewerber und natürlich auch Ihrer Kunden auf dem Weg zu offener Innovation, neuen Produkten und neuen Geschäftsmodellen. Da digitale Technologien die Grundlage der digitalen Transformation bilden, sollten Sie über eine Strategie verfügen, um sich die entsprechenden digitalen Fähigkeiten, Kenntnisse und Kompetenzen zu sichern, die – zumindest in Europa – immer teurer werden und zunehmend seltener verfügbar sind.

Als Hersteller müssen Sie Ihre aktuellen IT-Kompetenzen bewerten, bestehende Lücken identifizieren, beurteilen, wie wahrscheinlich Sie neue Talente vom Markt gewinnen können bzw. ob Sie die dazu erforderliche Reputation haben, und sich fragen, ob Sie Menschen, die in der IT Ihres Unternehmens anfangen, eine erfolgreiche Karriere bieten können. Vielleicht wäre es für Sie auch ratsamer, sich mit bewährten IT-Unternehmen zusammen zu tun, die ihr Know-how, ihre hohen Qualifikationen und Kompetenzen einbringen können. Nach unserer Erfahrung entscheiden sich die meisten Unternehmen für Letzteres. Entweder erwerben sie kleinere IT-Unternehmen, um sich die nötigen Kompetenzen an Bord zu holen, oder sie schließen sich für den vor ihnen liegenden Weg mit größeren Unternehmen wie DXC Technology zusammen. Allerdings sollte sich jeder bewusst sein, dass qualifizierte Arbeitskräfte heiß umkämpft sind, vor allem IT-Talente mit digitalen Kompetenzen im Bereich Analyse, künstlicher Intelligenz (KI), Sicherheit und einigen anderen Bereichen.

Welche Rolle spielen Start-ups in diesem Szenario? 

MR: Die Start-up-Kultur sowie die von Start-ups geförderte Innovation wird immer wichtiger, da hier großer Wert darauf gelegt wird, voneinander zu lernen. Anfänglich befanden sich die meisten Start-ups im Silicon Valley. In den letzten Jahren hat sich jedoch auch in der europäischen Start-up-Szene Einiges getan, vor allem in Deutschland und in Städten wie Berlin und Stuttgart. Unternehmen können direkt mit Start-ups in Kontakt treten, z. B. in Form von Hackathons oder durch die Beteiligung an relevanten Start-up-Plattformen.

So gibt es beispielsweise eine in Stuttgart ansässige Innovationsplattform, die junge Technologieunternehmen weltweit mit der einzigartigen Technologiekompetenz aus dem Silicon Valley und dem Besten der deutschen Ingenieurskunst zusammenbringt. DXC Technology unterstützt diese Plattform als einer der Gründungspartner gemeinsam mit anderen Partnern wie Daimler, der Universität Stuttgart, BASF, ZF und Porsche. Wie funktioniert STARTUP AUTOBAHN? Es werden mehrere Start-ups ausgewählt, mit denen größere Unternehmen dann über einen Zeitraum von sechs Monaten zusammenarbeiten, um ihnen die betriebliche Umsetzung ihrer Idee zu ermöglichen und ihnen zum Erfolg zu verhelfen. Einige der Bereiche, auf die sich diese Innovationsplattform konzentriert, sind IoT (Internet der Dinge), Fertigung, standortbasierte Dienste, Cybersicherheit, Kundenerlebnis und vorausschauende Analysen. Sie können sich vorstellen, welches Potenzial in dieser Zusammenarbeit steckt: Große Unternehmen coachen junge Kreative und helfen ihnen, ihre ersten Schritte zu tun und ihre großartigen Ideen in ein nachhaltiges Unternehmen zu verwandeln.

Ein weiterer Vorteil dieser Partnerschaften besteht darin, dass neue, innovative Technologien Eingang in große Unternehmen finden. Das soll allerdings nicht heißen, dass die Zusammenarbeit damit endet, dass das große Unternehmen das kleine Start-up aufkauft. Darum geht es nicht. Es geht darum, ein Ökosystem zu schaffen, eine Gemeinschaft, die die Kultur und Innovation eines Start-ups mit der Erfahrung, der Kapital- und Führungsstärke größerer Unternehmen verbindet.

Partnerschaften sind unerlässlich, bringen aber neue Sicherheitsprobleme mit sich 

WL: Diese neue Art der Zusammenarbeit erfordert mehr Offenheit, Partnerschaft und Informationsaustausch zwischen Unternehmen. Ehemalige Konkurrenten sowie Partner, Lieferanten und Kunden müssen in dieser neuen Welt zusammenarbeiten und ein vernetztes, integriertes Ökosystem schaffen. Und Zusammenarbeit bedeutet, sich zu öffnen und Informationen auf sichere Weise zu teilen, und das bis hin zu geistigem Eigentum.

Das bedeutet also, dass die Sicherheitsherausforderungen in Zukunft viel größer sein werden. Und das liegt nicht allein am Business-Ökosystem, sondern auch an den zahlreichen intelligenten Produkten und Geräten, die miteinander vernetzt und in das Netzwerk Ihres Unternehmens integriert sein werden. Damit nimmt für Unternehmen nicht nur die Komplexität zu, es bedeutet auch, dass sie geeignete Vorkehrungen für Information Governance und Datenmanagement treffen müssen, um zu bestimmen, welche Informationen wann und mit wem geteilt werden können.

Martin Rainer ist VP und General Manager im Bereich Manufacturing Industry für die Region Nord- und Mitteleuropa bei DXC Technology.

Wolfgang Lucny ist Industry Executive Manufacturing für die Region Nord- und Mitteleuropa bei DXC Technology.   

Sind Sie neugierig, wie diese Ideen der Industrie 4.0 in der Praxis funktionieren? Dann sehen Sie sich einige erfolgreiche Fallbeispiele an: Real world examples of smart connected manufacturing.