Unternehmen, die auf langfristige Strategien setzen, lassen sich leichter verdrängen. Sind die Zeiten von Forschung und Entwicklung als Quelle für Wettbewerbsvorteile vorbei?

 

Auf mehrjährige Investitionsprogramme zu setzen, in der Hoffnung, dadurch weiter zu den Marktführern zu gehören, funktioniert nicht mehr – außer vielleicht bei wissenschaftlichen Programmen.

 

Die Digitalisierung, der Zugang zu globalen Wissensdatenbanken und Arbeitskräften und die Fähigkeit zur schnellen Innovation sorgen dafür, dass auf langfristige Strategien ausgerichtete Unternehmen leichte Beute sein könnten für alle, die wendiger und agiler sind. Das Paradigma des Vorsprungs durch F&E beruhte im Grunde in erster Linie auf Führungskräften, die strategische Wetten darauf abschlossen, wohin der Markt gehen würde. Der Markt verändert sich jedoch viel zu schnell, als dass diese strategischen Wetten aufgehen könnten.

Laut Business-Guru Rita McGrath von der Columbia Business School ist es an der Zeit, dass Unternehmen von dem Konzept der nachhaltigen Wachstumsvorteile ablassen. Diese sind in der heutigen Geschäftswelt kaum realisierbar. Viele der Zugangsbarrieren, die Unternehmen und ganze Branchen früher isoliert haben, sind nicht mehr existent. Unternehmen können sich nicht mehr um einen Wettbewerbsvorteil herum strukturieren, um diesen dann zu festigen und gewinnbringend zu nutzen.

 

Gehen Sie cleverer vor

Um erfolgreich zu sein, müssen Sie zweigleisig vorgehen:

  • Strategien für einen kürzeren Zeitrahmen entwickeln
  • Für Agilität durch digitale Technologie sorgen

 

Strategien müssen sich flexibel anpassen lassen. Sie müssen die Möglichkeit zur Kurskorrektur und zur schnellen Neuausrichtung auf der Grundlage von Marktsignalen bieten. Produkthersteller können beispielsweise Simulationen durchführen und/oder frühzeitig Prototypen mithilfe digitaler Werkzeuge erstellen, um die Marktakzeptanz zu testen und gegebenenfalls Anpassungen vorzunehmen.

Allerdings ist Agilität für Unternehmen, die von Anfang an digital waren und nicht durch Legacy-Prozesse und Altgeräte ausgebremst werden, wesentlich einfacher. Traditionelle Unternehmen können dafür von anderen Vorteilen wie Größe, Finanzstärke und umfassenden Inhalten profitieren. Diese finden sich in Form von Produkten, Gebäuden, Menschen und der jahrelangen Erfassung von Daten zu Kunden und Märkten.

 

Diskrete Offenlegung

Inhalte, die sich in Altsystemen unter Verschluss befinden, verschaffen Ihnen weder Wettbewerbsvorteile noch helfen sie Ihnen, Innovationen voranzutreiben. Versuchen Sie also herauszufinden, was Ihre wichtigsten Assets sind. Legen Sie diese Informationen offen, damit Sie damit Geld verdienen können. Die Herausforderung besteht darin, diese Assets so zu exponieren, dass Sie diese schützen, aber gleichzeitig auch freigeben können. Dazu brauchen Sie neue Technologien. Zu den potenziellen Tools gehören Open-Source-Communitys, APIs, Informationsdienste und digitale Plattformen mit Softwareschnittstellen, die den Zugriff durch Drittentwickler ermöglichen.

 

Fazit: Sie müssen Ihre Altsysteme digital transformieren. Wenn Sie weiter nur in Ihrer aktuellen Wertschöpfungskette tätig sind, schränken Sie Ihr Unternehmen unnötig ein. Als Hersteller von Flugzeugtriebwerken, der beispielsweise einen digitalen Zwilling eines Triebwerks konstruieren möchte, sollte ich daher zunächst einmal alle vorhandenen Daten sammeln und ein virtuelles Triebwerk erstellen. Eine ganzheitliche Ansicht könnte Produktaktualisierungen und neue Produkte oder Dienstleistungen aufzeigen.

 

Medizintechnische Unternehmen könnten die Wertschöpfungskette zwischen Arzt, Patient und Apotheke maßgeblich verändern, indem sie die Patienten mit tragbaren Sensoren ausstatten und die resultierenden Daten mit der jeweiligen Krankengeschichte und anderen Informationen zusammenführen. Anhand dieser Informationen ließe sich einfacher bestimmen, ob der Patient das richtige Medikament in der richtigen Dosierung zu sich nimmt, ob dieses die gewünschte Wirkung erzielt oder ob Unverträglichkeiten mit anderen Medikamenten vorliegen. Diese Informationen wären für Gesundheitseinrichtungen, Ärzte, Patienten, Pharmaunternehmen und auch staatliche Behörden von sehr großem Wert.

 

Um Erfolg zu haben, müssen Unternehmen ihre bestehenden und potenziellen Wertschöpfungsnetzwerke bestimmen. Unternehmens-Assets bestehen nicht nur aus einem greifbaren Produkt, und genau diese anderen Assets müssen offen gelegt werden, um die Kunden stärker zu binden. In der Welt von heute erreicht man Wettbewerbsvorteile durch die Strukturierung von Informationsbeständen, die sich bei bestimmten Umsatzchancen oder im richtigen Geschäftsmoment zu Geld machen lassen.